ASA organisiert Sommerschule Luft- und Raumfahrt

Das 2010 erfolgreich erprobte Leuchtturmprojekt „Sommerschule“ geht in die zweite Runde: „Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf bekommen in den Sommerferien die Chance, schulische Defizite aufzuholen“, sagte Kultusministerin Marion Schick am 25. März in Stuttgart. Nach dem Start mit vier Modellstandorten in den letzten Sommerferien wird das Angebot in diesem Jahr auf 26 Standorte in Baden-Württemberg ausgeweitet, darunter auch ein Angebot der ASA für die Luft- und Raumfahrt.

 

Berichte zu den einzelnen Stationen der Sommerschule:

 

Mathe büffeln und Raketen bauen

(Böblinger Zeitung, Ina Kraft)

Nachhilfe in den Hauptfächern braucht Marc Groß von der Johannes-Widmann-Schule in Maichingen eigentlich nicht. Der 13-Jährige ist Klassenbester. “Das sagt auch meine Lehrerin”, versichert er. Weil er sich aber für Luft- und Raumfahrttechnik interessiert, hat er sich für einen Platz an der Sommerschule beworben.

Seit gestern morgen drückt er nun zusammen mit 29 anderen angehenden Achtklässlern von insgesamt 16 Haupt- und Werkrealschulen aus dem gesamten Kreis Böblingen auf dem Goldberg die Schulbank. Beworben haben sich knapp 60 Jungen und Mädchen, nach Auswahlgesprächen mit dem Staatlichen Schulamt kamen 30 zum Zug. Das Projekt findet landesweit an 26 Standorten statt und soll Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit geben, sich in Mathe, Deutsch und Englisch zu verbessern, mögliche Lücken zu schließen und überfachliche Kompetenzen zu erwerben.

Doch die Sommerschule ist weit mehr als eine Art Nachhilfeschule in den Ferien. Das Besondere ist, dass Kooperationspartner mit im Boot sind, die zusätzliche Angebote machen. In der Sommerschule im Kreis Böblingen ist das außer dem Staatlichen Schulamt und der Vertieften Berufsorientierung (VBO) die Akademie für Luft- und Raumfahrttechnik, die seit diesem Sommer auf dem Flugfeld angesiedelt ist. “Wir wollen den Raketenbau in den Mittelpunkt der Woche stellen”, versprach Prof. Dr. Monika Auweter-Kurtz den Schülern und Schülerinnen.

Die Leiterin der Akademie möchte junge Menschen für die Luft- und Raumfahrttechnik begeistern. Dieser Bereich, so versichert sie, bietet nämlich nicht nur Abiturienten beziehungsweise Studierenden allerhand Chancen. “In der Raumfahrt wird nahezu alles in Einzelfertigung gebaut, da braucht man sehr geschickte Handwerker und Techniker.” Sie könnte sich vorstellen, auch außerhalb der Sommerschule an ihrer Akademie Angebote für Schüler und Schülerinnen zu machen. “Aber dazu braucht man Sponsoren.”

Für den 13-jährigen Marc stand der Höhepunkt schon gestern Nachmittag an: “Raketen bauen – darauf freue ich mich besonders”, sagt er. Anschließen sollten die Raketen den Praxistest bestehen. “Draußen”, versprach Monika Auweter-Kurtz mit einem Seitenblick auf Diemut Rebmann. Die Schulleiterin der Goldberg Grund- und Werkrealschule hatte für die Sommerschule die Räume zur Verfügung gestellt.

Besuch im Sensapolisund der Uni Stuttgart

Weil man – so Auweter-Kurtz – am meisten lernt, wenn man selbst was ausprobieren kann, sitzen die Schüler am Nachmittag selten in der Schule. Am heutigen Dienstag ist ein Besuch im Institut für Raumfahrtantriebe in Lampoldshausen auf dem Programm, dort stehen “Riesenraketen”, außerdem dürfen die Schüler selbst ins Labor. Ein Besuch im Sensapolis und an der Uni Stuttgart sind weitere Extras. Dort zeigen Doktoranden unter anderem ihre Forschungsprojekte und beantworten neugierige Fragen.

Sie sind nicht die einzigen, die sich diese Woche speziell um Marc und seine Kameraden und Kameradinnen kümmern. Für den Unterricht ist ein Lehrerteam von der Oskar-Schwenk-Schule Waldenbuch zuständig sowie Mitarbeiter der vertieften Berufsorientierung. Sie zeigen unter anderem auch, wie man sich erfolgreich bewirbt und wie eine gute Präsentation aussieht. Das können die Jungen und Mädchen auch gleich konkret üben. Denn das, was sie erlebt, gelernt und erfahren haben, dürfen sie kommende Woche – also wenn die richtige Schule wieder losgeht – an ihren Schulen vorstellen.

“Die Sommerschule hat es ins sich”, versprach Angela Huber, die Leiterin des staatlichen Schulamts. Das hoffen auch Marc und die anderen. Selbst der Unterricht am morgen – Mathe stand auf dem Lehrplan – habe ihnen Spaß gemacht. Warum? “Irgendwie war es anders als sonst. Richtig interessant.”

 

 

Schüler bauen Raketen und pauken dabei

(Leonberger Kreiszeitung, Günter Scheinpflug)

Böblingen 30 Werkrealschüler aus dem Landkreis arbeiten in der Sommerschule Defizite auf und erfahren etwas über die Luftfahrt. Die extreme Nachfrage nach dem Ferienkurs hat die Verantwortlichen überrascht. In der letzten Ferienwoche stehen nicht nur Mathe, Deutsch und Englisch auf dem Programm. Die Schüler sollen auch Anregungen und wieder Spaß am Lernen bekommen, sagt Angela Huber, die Leiterin des Staatlichen Schulamts.

Frau Huber, basteln 15-Jährige noch gerne Spielzeugraketen?

Die Jugendlichen sind mit großem Eifer dabei gewesen, Raketen zu basteln. Dass man mit Hilfe einer Brausetablette und Wasser Gas entwickeln kann und die Dinger dann rund vier Meter hochfliegen, war vielen neu. Ich denke, 15-Jährige haben Lust, etwas auszuprobieren. Bei diesem Raketenversuch waren alle recht glücklich.

Nicht jeder aber möchte gerne in den Schulferien pauken, oder doch?

Eine Sommerschule sollte nicht zu erzieherisch daherkommen. Freilich geht es um bessere Kenntnisse in den Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch. Unser Ansatz aber ist es, den Schülern zu zeigen: Welche Vokabeln brauche ich, um die englischen Bezeichnungen in der Raumfahrt zu verstehen? Welche mathematischen Formeln und physikalischen Gesetze muss ich kennen, um Flugkörper zu berechnen?

Wie groß ist das Interesse an dem Angebot?

Die Sommerschule hatten wir im ganzen Kreis ausgeschrieben. Wir hatten 60 Anmeldungen. Das ist eine überraschend hohe Zahl. Nur die Hälfte konnten wir allerdings aufnehmen.

Wie wurden die Schüler ausgewählt? Sind nur die “Streber” zum Zug gekommen?

Nein, es haben sich auch schwächere Schüler gemeldet. Es wurden Auswahlgespräche geführt, die Schüler sind auch über ihre Motivation befragt worden. Außerdem haben wir die Schulnoten herangezogen.

Ist eine einzige Sommerschule im Kreis ein Tropfen auf den heißen Stein?

Haupt- und Werkrealschüler haben sicher viel Förderung und Anregung nötig. Vom Kultusministerium gibt es rund 8000 Euro, die für diese Veranstaltung eingesetzt werden. Außerdem erhalten wir für vier Lehrer, die sich freiwillig für die Sommerschulwoche gemeldet haben, eine Anrechnung auf ihr Unterrichtsdeputat. Insgesamt sind das sechs Deputatsstunden. Natürlich können wir uns mehr solcher Angebote im Kreis für unsere Schüler vorstellen. Das muss jedoch im Ministerium und wohl auch politisch entschieden werden.

Sie wollen den Werkrealschülern auch eine Berufsperspektive verschaffen. Hat denn jemand von den Teilnehmern Aussichten, Luftfahrtingenieur zu werden?

Ich glaube, dass sich darüber bisher nur wenige der 15-Jährigen Gedanken machen. Das gilt im Übrigen wohl für die überwiegende Anzahl der Jugendlichen aus allen Schularten. Die fragen sich zuallererst, was interessiert mich. Sie denken nicht in erster Linie an berufliche Chancen. Qualifizierte Menschen werden überall gebraucht, auch in der Luft- und Raumfahrt arbeiten Handwerker. Dafür gibt es verschiedene Ausbildungsgänge. Außerdem kann ein Werkrealschüler auf ein berufliches Gymnasium wechseln und anschließend auch noch studieren. Ich habe bei der Eröffnung der Sommerschule allen Schülern gesagt, dass jeder sehr weit kommen kann, wenn er es nur will.

Welches Ziel steht bei der Sommerschule im Vordergrund?

Die Schüler sollen möglichst viele Lerndefizite verringern und neuen Spaß am Lernen gewinnen. Wichtig ist auch, dass sich jeder selbst ein Ziel steckt, wo er hinkommen möchte. Wir wollen mit der Sommerschule auch vermitteln, dass sich die Anstrengung lohnt. Und wir wollen neue Anregungen geben wie etwa durch den Besuch des Instituts für Raumfahrtantriebe in Lampoldshausen. Wir hoffen, dass das ein Erlebnis ist, das sich nachhaltig auf die Motivation auswirkt.

Leistet die normale Schule dazu wenig?

Das würde ich nicht sagen. Aber wir sind froh, dass es dieses Ergänzungsangebot gibt. Zumal die Teilnahme, so hoffen wir jedenfalls, auch das Selbstwertgefühl der Schüler stärkt.

Finden die Schüler zu wenig Anerkennung?

Ja, viele haben auch einen Migrationshintergrund und müssen sprachliche Defizite aufarbeiten. Ich denke, wir müssen wieder zu einer besseren Anerkennungskultur kommen. Es gibt nicht den Hauptschüler oder den Werkrealschüler. Jeder hat seine eigene Persönlichkeit und Fähigkeiten, die gefördert werden müssen. Es gilt, Vorurteile abzubauen. Da sind wir als Gesellschaft in der Verantwortung. Wir müssen den jungen Menschen eine Chance geben.